Stellungnahme des Fan-Projekts Bremen zur IMK und den geplanten Sicherheitsmaßnahmen
Mit großer Sorge beobachten wir die aktuelle sicherheitspolitische Debatte der Innenminister*innenkonferenz, die vom 03. bis 05. Dezember 2025 in Bremen stattfindet. Die diskutierten Maßnahmen – von erweiterten Stadionverboten über personalisierte Tickets bis hin zu KI-basierter Gesichtserkennung – kritisieren Fans als Einschränkung ihrer Freiheitsrechte und Fankultur. Als professionelle Fansozialarbeiter*innen möchten wir den Blick weiten und unsere fachliche Perspektive einbringen.
Demokratiedefizite im politischen Prozess
Die seit Oktober 2024 tagende Bund-Länder-offene-Arbeitsgruppe zeigt von Beginn an einen deutlichen Mangel an Demokratie und Transparenz. Fachmenschen aus Wissenschaft und dem Arbeitsfeld, vor allem Fußballfans als Expert*innen ihrer eigenen Lebenswelt und der Kurve, sind nicht beteiligt. Die fehlende Mitbestimmung und die rudimentäre Informationslage führen seit Monaten zu großer Verunsicherung und Unsicherheit - weit über die aktiven Fanszenen hinaus. Damit entsteht genau das Gegenteil dessen, was die IMK als Ziel ausgibt.
Junge Menschen in der Krise
Seit einigen Jahren wachsen junge Menschen unter den Bedingungen multipler Krisen auf: Pandemieerfahrungen, internationale Krisen und Kriege, wirtschaftliche Belastungen, militarisierte politische Debatten um Kriegstüchtigkeit und Wehrpflicht und über allem ein drohender Klimakollaps prägen ihren Alltag. Bereits dies führt zu massiver Verunsicherung und Überforderung. Junge Menschen brauchen aktuell vor allem soziale Sicherheit, Orientierung und Verlässlichkeit sowie stabile Lebensumstände.
Diese Perspektive fehlt in der Debatte vollständig und verlangt ein grundlegendes Umdenken. Die geplanten Maßnahmen ordnen sich in einen politischen Zeitgeist ein, der autoritäre und restriktive Antworten bevorzugt. Aus unserer Sicht leisten diese nur einen unzureichenden Beitrag zu nachhaltigen Problemlösungen. Vielmehr verschärfen sie die bestehenden Konflikte und verlagern sie höchstens aus den Stadien heraus.
Die Fanarbeit stärken
Eine Fankultur unter Generalverdacht zerstört die Grundlagen präventiver Arbeit und das Vertrauen in demokratische Institutionen. Unsere langjährigen Erfahrungen aus der aufsuchenden und begleitenden Fanarbeit an Spieltagen zeigt: Dialog auf Augenhöhe, Mitbestimmung und selbstwirksames Handeln sind zentrale Faktoren tatsächlicher Sicherheit. Präventive und soziale Angebote, verlässliche Gesprächsformate sowie kontinuierliche Beziehungsarbeit wirken nachweislich konfliktmindernd und schaffen Vertrauen. Diese Ansätze wurden über Jahre erfolgreich in der Fanarbeit von Vereinen und Fanprojekten entwickelt und müssen gestärkt – nicht geschwächt – werden.
Jugendkulturelle Freiräume schützen
Ob die Stadien aktuell unsicher sind, lässt sich nicht eindeutig belegen. Die einseitige Projektion von Konflikten auf die Fankurven verdeckt die zugrunde liegenden sozialen Bedingungen. Andere Sicherheitsrisiken für vulnerable Gruppen bleiben in der IMK-Debatte weitgehend unbeachtet. Diese Themen sollten im Zentrum einer sachlichen und breiter geführten Debatte stehen. Das Stadionerlebnis und der Fußball als populärste Sportart sind seit jeher ein Ventil gesellschaftlicher Verhältnisse und Konflikte, von Emotionen und Zugehörigkeit. Sie erfüllen eine wichtige Funktion für das soziale Zusammenleben, als Ort der Sozialisation und als demokratischer Lernraum.
Dies gilt insbesondere für die Lebensphase der Jugend und in den Übergängen in das sog. Erwachsenenalter. Jugendkulturelle Freiräume verdienen einen besonderen Schutz. Die Kurve ist ein solcher Raum. Ein sicherer, vielfältiger und freier Fußball entsteht durch Vertrauen, Mitbestimmung und soziale Verantwortung. Für diese Grundsätze stehen wir ein – gemeinsam mit den Fans.
Im Sinne demokratischer Teilhabe rufen wir Werder-Fans auf, an der Demonstration teilzunehmen. Auch wir als Fan-Projekt schließen uns dem nachvollziehbaren und unterstützenswerten Protest an.
Fan-Projekt Bremen im Dezember 2025
Das Fan-Projekt Bremen ist ein gemeinnütziger Träger der freien Jugendhilfe der Stadtgemeinde Bremen. Gemeinsam mit Werder-Fans treten wir für eine gewalt- und diskriminierungsarme, vielfältige und freie Fankultur als positiven Ort der Sozialisation junger Menschen ein.
Kontakt: [email protected]